Mag. Christoph Neumayer, Generalsekretär Industriellenvereinigung, © IV/Horak

IV – Christoph Neumayer: Industriestandort Österreich – Weltspitze in Nischen, stark im Export (Interview)

„Viele unserer Unternehmen sind Weltmarktführer in ihrem Segment. Was diese „Leuchttürme“ auszeichnet, ist die Kombination aus hoher Spezialisierung, Innovationskultur und langfristigem Denken. Das zeigt: Wer auf Qualität, Forschung und internationale Märkte setzt, ist erfolgreich.“

Im Interview spricht Christoph Neumayer (Generalsekretär der Industriellenvereinigung) über die Stärken des Industriestandorts Österreich – von hochqualifizierten Fachkräften und technologischer Kompetenz bis zur zentralen Lage in Europa. Er betont die große Bedeutung offener Märkte und Freihandelsabkommen für Wohlstand und Arbeitsplätze und erklärt, warum strategische Autonomie nicht Autarkie bedeutet. Gleichzeitig zeigt er auf, welche Reformen bei Energie, Bürokratie und Genehmigungsverfahren nötig sind, damit Österreich auch künftig ein attraktiver Standort für Investitionen und industrielle Wertschöpfung bleibt.

Welche Vorteile bietet der Standort Österreich für Industrieunternehmen?
Österreich hat eine starke industrielle DNA. Wir verfügen über hochqualifizierte Fachkräfte, technologisches Spitzen-Know-how und eine enge Verzahnung zwischen Industrie, Forschung und Zulieferbetrieben. Viele unserer Unternehmen sind Weltmarktführer in ihren Nischen. Dazu kommen Stabilität, Rechtssicherheit und die Lage im Zentrum Europas mit gut ausgebauter Infrastruktur. Das sind essenzielle Standortargumente – gerade für technologieintensive Produktion mit hoher Wertschöpfung.

Österreich ist stark exportorientiert. Wie abhängig ist die Industrie tatsächlich von offenen internationalen Märkten / Freihandelsabkommen – und wo liegen dabei auch Risiken?
Wir sind eine der exportstärksten Volkswirtschaften Europas. Über 55 Prozent unserer Wirtschaftsleistung hängen vom Export ab. Offene Märkte und verlässliche Handelsabkommen sind daher keine Option, sondern eine wirtschaftliche Grundvoraussetzung. Ohne einen guten Zugang zu internationalen Märkten gäbe es weniger Wachstum, weniger Investitionen und weniger Arbeitsplätze.

Mit Blick auf die kommenden Jahre: Welche Bedeutung wird Freihandel künftig für die Entwicklung des Wirtschaftsstandorts Österreich haben?
Angesichts des geopolitischen Drucks wird Freihandel auch in Zukunft ein zentraler Faktor für den Wirtschaftsstandort sein. Ein mittleres, exportorientiertes Land wie Österreich kann seinen Wohlstand nur sichern, wenn es in globale Wertschöpfungsketten mit Partnern, die so wie wir auf Augenhöhe und fair zusammenarbeiten wollen, eingebunden ist. Deshalb setzen wir uns dafür ein, dass das Mercosur-Abkommen rasch zur vorläufigen Anwendung kommt, damit europäische und österreichische Unternehmen zeitnah von besseren Marktzugängen profitieren können. Gleichzeitig begrüßen wir die erzielte Grundsatzeinigung für ein Handelsabkommen zwischen der EU und Indien ausdrücklich. Nun braucht es Tempo und konkrete Fortschritte in den Verhandlungen, um dieses wirtschaftliche Potenzial auch tatsächlich zu heben. Es gibt keine Alternative: Wenn wir Wohlstand und unsere Sozialsysteme sichern und Arbeitsplätze halten wollen, brauchen wir faire, regelbasierte Handelsbeziehungen und eine aktive europäische Handelspolitik.

Widersprechen sich die (neuen) Freihandelsabkommen mit dem Wunsch der EU in Bezug auf mehr Unabhängigkeit von China und anderen Märkten?
Nein, ganz im Gegenteil. Strategische Autonomie bedeutet nicht Autarkie. Wer Abhängigkeiten reduzieren will, muss Alternativen schaffen. Neue Handelsabkommen eröffnen genau diese Alternativen und stärken unsere wirtschaftliche Handlungsfähigkeit sowie Resilienz. Entscheidend ist, Lieferketten zu diversifizieren und gleichzeitig eigene Schlüsseltechnologien zu stärken.

Angesichts der hohen Lohnnebenkosten und Energiepreise im Vergleich zu Osteuropa oder den USA: Was sind aktuell die entscheidenden Argumente, warum ein Industrieunternehmen in den Standort Österreich (weiterhin) investieren sollte?
Kosten sind ein sehr wichtiger Faktor, entscheidend ist das Gesamtbild. Unternehmen investieren dort, wo Qualifikation, Innovationskraft und Verlässlichkeit stimmen. Österreich bietet das. Unsere Betriebe punkten mit hoher Fachkräftequalität, der Standort mit industrieller Kompetenz, guter Infrastruktur und einer engen Kooperation zwischen Industrie und Forschung.

Aber wir dürfen uns nichts vormachen: Wenn Energiepreise, Lohnnebenkosten und Bürokratie dauerhaft höher sind als anderswo, gerät der Standort unter Druck. Umso wichtiger ist es, dass mit den angekündigten gezielten Maßnahmen bei den Energiekosten und ersten konkreten Schritten zum Bürokratieabbau gegengesteuert wird. Auch die Industriestrategie setzt hier die richtigen Leitplanken, indem sie Wettbewerbsfähigkeit und industrielle Wertschöpfung ins Zentrum stellt. Der Standort muss aktiv wettbewerbsfähig gehalten und USPs wie die Forschungsprämie erhalten werden. Dafür braucht es die konsequente Umsetzung und weitere strukturelle Reformschritte.

Abseits der Schlagzeilen über hohe Kosten: In welchen Bereichen oder technologischen Feldern agiert Österreich aktuell als globales Vorbild, und was können andere Sektoren von diesen „Leuchttürmen“ lernen?
Österreich ist stark in der Umwelt- und Energietechnologie, im Maschinen- und Anlagenbau, in der Werkstofftechnologie, in der Mikroelektronik und in spezialisierten High-Tech-Nischen. Viele unserer Unternehmen sind Weltmarktführer in ihrem Segment. Was diese „Leuchttürme“ auszeichnet, ist die Kombination aus hoher Spezialisierung, Innovationskultur und langfristigem Denken. Das zeigt: Wer auf Qualität, Forschung und internationale Märkte setzt, ist erfolgreich.

Viele Unternehmen klagen über bürokratische Hürden und langsame Genehmigungsverfahren. Wo sehen Sie den größten Hebel, um die Investitionen am Standort wieder anzukurbeln und die ‚Abwanderungstendenzen‘ von Produktionsstätten sowie die Verkäufe an ausländische Konzerne zu stoppen?
Der größte Hebel liegt in Tempo und Verlässlichkeit. Investitionen scheitern oft nicht am Standort selbst, sondern an langen Verfahren, unklaren Zuständigkeiten und regulatorischer Komplexität. Wer investieren will, braucht Planbarkeit. Wir brauchen schnellere Genehmigungsverfahren, konsequente Digitalisierung der Verwaltung, weniger Doppelgleisigkeiten. Wenn wir Investitionen erleichtern, statt sie zu erschweren, werden Unternehmen auch weiterhin in Österreich produzieren und wachsen.

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