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Management Factory: Restrukturierungsstudie

Zahl der Restrukturierungsfälle in Österreich wird 2026 weiter steigen

Kaum eine Woche vergeht, in der nicht eine große Insolvenz publik wird, neue Zölle die Lieferketten stören oder trübe Wirtschaftsprognosen die Schlagzeilen dominieren. Die aktuell herausfordernde Lage führt für zahlreiche Unternehmen in Österreich zu akutem Handlungs- und Restrukturierungsbedarf, um weiterhin wettbewerbsfähig zu bleiben. Die Firmeninsolvenzen befinden sich weiterhin auf Rekordniveau und könnten das dritte Jahr in Folge einen Höchststand erreichen. Österreich bleibt eines der EU-Länder mit den niedrigsten Wachstumsraten. Die Produktivität entwickelt sich schwach und bleibt ein wachstumshemmender Faktor für die Wirtschaft.

Angesichts dieser Entwicklungen stellt sich die Frage: Wie werden sich die Wirtschaft und die „Restrukturierungslandschaft“ in Österreich im Jahr 2026 entwickeln? Welche Branchen werden besonders betroffen sein? Welche Maßnahmen müssen jetzt rasch umgesetzt werden? Und wie können sich Unternehmen bestmöglich auf zukünftige externe Schocks wie höhere Zölle, geopolitische Konflikte, steigende Preise oder Ähnliches vorbereiten?

Um diese Fragen fundiert zu beantworten, hat die Management Factory bei Makam Research eine österreichweite Restrukturierungsstudie in Auftrag gegeben, für die rund 300 führende Expertinnen und Experten aus dem Restrukturierungsumfeld befragt wurden. Die Teilnehmenden stammen aus dem Banksektor, dem juristischen oder Consulting-Bereich oder sind in Top-Führungspositionen tätig. Sie wurden zu ihren Einschätzungen zu folgenden Themenbereichen gebeten:

  1. Wie entwickeln sich die Wirtschaft und das Restrukturierungsumfeld 2026 im Vergleich zu 2025?
  2. Welche Branchen werden am stärksten betroffen sein – und welche Maßnahmen werden dort voraussichtlich umgesetzt?
  3. Welche Faktoren führen am häufigsten zu Restrukturierungsfällen?
  4. Sind Unternehmen ausreichend auf externe Schocks vorbereitet – und welche Maßnahmen verbessern die Resilienz am besten?

Hier die zentralen Ergebnisse dieser Befragung:

  1. Wie werden sich die Restrukturierungslandschaft und das Wirtschaftswachstum in Österreich 2026 entwickeln?

Die österreichische Volkswirtschaft befindet sich seit 2023 zum dritten Mal in Folge in einer Rezession. Laut aktueller Schätzung der Österreichischen Nationalbank wird das Wirtschaftswachstum 2026 lediglich bei +0,3 % des BIP liegen. Knapp 40 % der befragten Restrukturierungsexpert:innen sehen die Entwicklung jedoch etwas oder deutlich schlechter als diese Prognose.
Etwa 40 % erwarten ein ähnliches Wachstum wie jenes zum Zeitpunkt der Umfrage von der OeNB prognostizierte. Obwohl diese Prognose zum ersten Mal seit vier Jahren wieder einen zarten Aufschwung signalisiert, blicken die meisten Befragten weiterhin pessimistisch auf die Entwicklung in Österreich im internationalen Vergleich: Fast zwei Drittel gehen davon aus, dass die Anzahl an Restrukturierungen im kommenden Jahr hierzulande höher sein wird als im EU-Vergleich.

Relativ einig sind sich die Expertinnen und Experten in einem Punkt: Die Zahl der Restrukturierungsfälle wird innerhalb der nächsten 12 Monate steigen.
Fast 40 % rechnen sogar mit einem deutlichen Anstieg, während nur 1 % von einem Rückgang ausgeht.

Als Risikofaktor für die wirtschaftliche Entwicklung nennt fast die Hälfte der Expert:innen Bürokratie & regulatorische Anforderungen (48
%). Daneben sind die Entwicklung der Personalkosten (44 %) sowie Handelskonflikte und Zölle (39 %) die häufigsten genannten Faktoren.

Mehr als 80 % aller Befragten erwarten, dass die Zahl der Restrukturierungsfälle im Jahr 2026 deutlich oder zumindest etwas zunehmen wird. 48% sehen Bürokratie & regulatorische Anforderungen als Treiber für die Risiken in der wirtschaftlichen Entwicklung.

  1. Welche Branchen werden hohen Restrukturierungsbedarf haben? Und welche Restrukturierungsmaßnahmen sollten primär umgesetzt werden?

Ziemlich eindeutig fiel die Einschätzung der Expertinnen und Experten hinsichtlich der Branchen mit dem größten Restrukturierungsbedarf aus. 8
% nannten die Automobilindustrie, 53 % wählten hier „größten“ und 21 % „zweithöchsten“ Bedarf, der Rest entfiel auf „drittgrößten“ Bedarf. Dahinter folgen die produzierende Industrie (16 % wählten „größten“ und 37 % „zweithöchsten“ Bedarf) sowie das Bauwesen (12 % „größten“ und 11 % „zweithöchsten“ Bedarf) und der Einzelhandel (5 % „größten“ und 11 % „zweithöchsten“ Bedarf).

Der Anpassungsdruck ist in einigen Branchen massiv. Viele Unternehmen müssen ihre Strategien komplett überarbeiten und stehen vor tiefgreifenden Kostensenkungen.
Gerhard Wüest, Seniorpartner Management Factory

Im Gegensatz dazu wurden Dienstleistungsbranchen wie Unternehmensberatung, Wirtschaftsprüfung, IT-Services oder Finanzdienstleistungen trotz des rasanten technologischen Wandels selten als Bereiche mit hohem Restrukturierungsbedarf genannt. Auch wenn es in diesen Branchen zu starken Veränderungen kommen dürfte, gehen die Expertinnen und Experten wohl nicht von Restrukturierungen mit starker Beteiligung von Externen wie Banken, Anwälten oder Restrukturierungsberater:innen aus. Vielmehr dürfte die Erwartung sein, dass die Unternehmen in den Branchen die Veränderungen intern vorantreiben.

Die Befragten gaben auch ihre Einschätzung zu Maßnahmen ab, die im Jahr 2026 prioritär umgesetzt werden sollten. In der Automobilindustrie halten 55 % die Überarbeitung der Strategie für eine der drei wichtigsten Maßnahmen. 47 % sehen Kostensenkungsprogramme und Effizienzsteigerungen unter den Top 3, gefolgt von 40 %, die eine Restrukturierung von Strukturen und Prozessen nennen.

Relativ ähnlich fällt das Bild in der produzierenden Industrie aus: 58 % nennen Kostensenkungen und Effizienzsteigerungsprogramme als eine der drei wichtigsten Maßnahmen, 43 % die Restrukturierung von Strukturen und Prozessen und 33 % die Überarbeitung der Strategie. Dieselben drei Hebel werden im Einzelhandel als prioritär angesehen.

Die Ergebnisse dieser drei Branchen Automobil- und produzierende Industrie sowie Einzelhandel machen deutlich, dass Unternehmen vor tiefgreifenden strukturellen Herausforderungen stehen: In allen drei Fällen gelten die

Überarbeitung der Strategie, Kostensenkungen sowie die Optimierung von Prozessen und Strukturen als die entscheidenden Hebel, um Restrukturierungen erfolgreich zu meistern und langfristig wettbewerbsfähig zu bleiben.

„Überarbeitung der Strategie“, „Kostensenkung & Effizienzsteigerungsprogramme“ sowie „Restrukturierung von Prozessen & Strukturen“ werden als die dringendsten Restrukturierungsmaßnahmen bei Restrukturierungsfällen in der Automobilindustrie und in der produzierenden Industrie betrachtet.

Anders stellt sich die Situation im Bereich Bau und Immobilien dar: Hier dominieren Refinanzierung und Liquiditätsverbesserung als zentrale Restrukturierungsmaßnahmen. Hohe Zinslast, niedrige Margen und starke Konjunkturabhängigkeit führen in vielen Unternehmen zu erheblichem Liquiditätsdruck – ein Trend, der sich auch 2026 fortsetzen dürfte.

  1. Welche internen Faktoren führen am häufigsten zu Restrukturierungsfällen?

Restrukturierungsfälle können sowohl externe als auch interne Ursachen haben. Auf die Frage, welche zwei wichtigsten internen Probleme zu Restrukturierungsfällen führen, nannten 61 % der befragten Expert:innen unklare oder falsche Strategie bzw. verspätete Reaktionen auf Marktveränderungen sowie 47 % Management und Führungsprobleme.

Unternehmen sollten ihre Abhängigkeiten reduzieren und zusätzliche Liquiditätsreserven aufbauen, um auch in volatilen Zeiten ihre Zukunftsfähigkeit zu sichern.
Julian Wildpaner, Partner Management Factory

  1. Sind Österreichs Unternehmen ausreichend auf „exogene“ Schocks vorbereitet (geopolitische Eskalation, Inflation, Finanzkrise etc.)? Und welche Maßnahmen stärken die Resilienz am besten?

Angesichts der aktuellen geopolitischen und weltwirtschaftlichen Entwicklungen ist klar, dass sich Unternehmen intensiver mit externen Risiken wie geopolitischen Konflikten oder Lieferkettenkrisen befassen müssen: 97 % der Expertinnen und Experten sind der Meinung, dass Unternehmen mögliche Krisenszenarien stärker berücksichtigen sollten. Gleichzeitig sind rund 50 % überzeugt, dass österreichische Unternehmen schlecht oder sehr schlecht auf externe Schocks vorbereitet sind. Nur 6 % halten die heimischen Unternehmen für gut gerüstet.

Die Hälfte aller Befragten ist der Meinung, dass Österreichs Unternehmen schlecht oder sehr schlecht auf exogene Schocks vorbereitet sind. Nur 2 % teilen die Ansicht, dass Unternehmen tendenziell gut gewappnet und auf neue externe Faktoren vorbereitet sind.

Auf die Frage, welche drei Maßnahmen am besten geeignet sind, die Widerstandsfähigkeit gegenüber externen Schocks zu erhöhen, werden am häufigsten genannt: 1) Reduktion von Abhängigkeiten, (2) Aufbau zusätzlicher Reserven und (3) Flexibilisierung der Kostenstruktur.

Es braucht eine flexiblere Kostenstruktur, um auf rasche Veränderungen schneller reagieren zu können.
Christopher Klena, Partner Management Factory

Zusammenfassung 
Insgesamt gehen die Restrukturierungsexperten für 2026 weiterhin von einem sehr dynamischen Restrukturierungsumfeld in Österreich aus. Sie erwarten überwiegend sogar eine steigende Anzahl an Restrukturierungen. Als wichtigster exogener Faktor hinter den wirtschaftlichen Entwicklungen in Österreich werden hauptsächlich Bürokratie und regulatorische Anforderungen genannt. Aber auch steigende Personalkosten sowie Handelskonflikte und Zölle spielen entscheidende Rollen. Davon abzuleiten ist, dass neben den Unternehmen auch die Politik gefordert ist, Rahmenbedingungen zu schaffen, um einen positiveren Ausblick zu ermöglichen. Klar ist aber auch, dass alle Unternehmen gefordert sind, sich entsprechend auf die externen Gegebenheiten vorzubereiten und einzustellen.

Die meisten Restrukturierungsfälle werden in den Branchen Automobilindustrie, produzierende Industrie, Bau und Immobilien sowie Einzelhandel erwartet. Welche Hebel zur Restrukturierung notwendig sind, unterscheidet sich je nach Branche. Während in der Automobilindustrie, der produzierenden Industrie und im Einzelhandel primär Strategieüberarbeitung, Kostensenkungsprogramme sowie Struktur- und Prozessanpassung auf der Tagesordnung stehen sollten, wird im Bau- und Immobilienbereich der Fokus auf Refinanzierung und Liquiditätsverbesserung zu legen sein.

Unabhängig vom externen Umfeld sind Management und Corporate Governance und damit zusammenhängend eine verspätete Reaktion auf Marktveränderungen zentrale Gründe, warum Unternehmen zu Restrukturierungsfällen werden. Unternehmen sind also gut beraten, sich frühzeitig um eine effiziente Organisation zu bemühen, in der Entscheidungen schnell getroffen werden können, um auf sich ändernde Marktgegebenheiten reagieren zu können. Unternehmen sollten die Zeit, bevor es zu einer akuten Krise kommt, nutzen, um proaktiv ihre Entscheidungsfähigkeit in den Gremien zu hinterfragen und gegebenenfalls Anpassungen vorzunehmen. Bei Unternehmen, die bereits in der Krise sind, kommt es häufig vor, dass die Fronten verhärtet sind. Dann fällt es ungleich schwerer, Veränderungen in den Entscheidungswegen herbeizuführen.

Grundsätzlich sind alle Unternehmen angehalten, ihre Resilienz zu erhöhen. Die Management Factory teilt die Einschätzung führender Expertinnen und Experten: Die Unternehmen sind derzeit unzureichend auf exogene Schocks vorbereitet. Die wichtigste Handlungsempfehlung für Unternehmen: Zu große Abhängigkeiten von einzelnen Lieferanten oder bestimmten Absatzmärkten und Regionen sind so rasch und so weit wie möglich zu reduzieren. Darüber hinaus sollten Unternehmen weitere Reserven aufbauen und ihre Kostenstruktur flexibilisieren, um möglichst schnell auf ein wirtschaftliches Umfeld reagieren zu können, das sich ständig, immer rascher und unberechenbarer verändert.

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