Start News Unternehmerin und Interessensvertreterin: Ulrike Rabmer-Koller im Gespräch

Unternehmerin und Interessensvertreterin: Ulrike Rabmer-Koller im Gespräch

Monica Rintersbacher: Du hast dich entschlossen deine Funktion als Vizepräsidentin der Wirtschaftskammer Österreich zu beenden. War das schon länger geplant und warum hörst du auf?
Ulrike Rabmer-Koller: Es war schon länger geplant. Ich habe bereits zum Jahreswechsel Präsident Mahrer mitgeteilt, dass ich nach 17 Jahren im Einsatz für die Wirtschaft meine WKO Spitzenfunktion beenden werde. Wir haben dann vereinbart, den Wechsel mit Beginn der neuen Funktionsperiode Ende Juni zu vollziehen. Ich blicke auf eine unglaublich spannende und bereichernde Tätigkeit mit unterschiedlichen Stationen auf regionaler, nationaler und internationaler Ebene zurück! Im Mittelpunkt standen dabei immer die Anliegen der Unternehmer und Unternehmerinnen und die Verbesserung der Rahmenbedingungen für die österreichische und europäische Wirtschaft. Ich bin stolz auf das Erreichte und dankbar für die vielen wunderbaren Begegnungen! Ich freue mich aber jetzt auf interessante neue Projekte als Unternehmerin und Aufsichtsrätin sowie mehr Zeit für die Familie.

Du erlebst in den letzten Wochen deiner Funktion als Vizepräsidentin der Wirtschaftskammer die schwerste Wirtschaftskrise der 2. Republik. Wie fühlt man sich in solch einer Situation? Ist es möglich gut zu helfen?
Im Unterschied zur Finanzkrise im Jahr 2008, wurden jetzt die Realwirtschaft und vor allem der Mittelstand stark getroffen! Von einem Tag auf den anderen sind bei den meisten Betrieben die Umsätze weggebrochen, ohne zu wissen, wie lange diese Situation dauern wird. Das hat bei vielen Unternehmerinnen und Unternehmern enorme Existenzängste ausgelöst. Die eingeleiteten Hilfsmaßnahmen der Regierung und die schrittweise Öffnung der einzelnen Wirtschaftszweige geben mittlerweile wieder Hoffnung, Mut und Zuversicht. Ich habe in den letzten Wochen unheimlich viel telefoniert und versucht, bestmöglich zu helfen. Viele Unternehmen haben am Anfang über zu viel Bürokratie und umständliche Antragsstellungen bei den Hilfsmaßnahmen und der Kurzarbeit geklagt, hier wurden aber dann laufend Verbesserungen vorgenommen. Es war und ist für alle eine Ausnahmesituation.

Wir haben jetzt drei Monate hinter uns, in der es für die österreichische Wirtschaft nur Hiobsbotschaften gab. Reicht es jetzt, dass die Corona-Beschränkungen schrittweise zurückgenommen wurden, um die Wirtschaft wieder in Schwung zu bringen, oder benötigen wir zusätzliche Impulse? Wenn ja, wo kann und soll man ansetzen?
Die schrittweise Öffnung aller Branchen bringt erste positive Signale und vor allem wieder etwas mehr Zuversicht. Die Konsumenten sind aber nach wie vor zurückhaltend, die Industrie zeigt sich ebenso verhalten und der Export ist stark eingebrochen. Die Wirtschaft braucht deshalb unbedingt neben der direkten finanziellen Unterstützung weitere Maßnahmen zur Ankurbelung und vor allem positive Stimmung! Wenn die Menschen Angst bzw. Unsicherheit verspüren, geben Sie kein Geld aus, und wenn Unternehmen nicht wissen, wie es weitergeht, werden Investitionen gestoppt bzw. verschoben. Jetzt ist es wichtig, Zukunftsperspektiven aufzuzeigen, die Unternehmen zu entlasten, Investitionsanreize sowie eigenkapitalstärkende Maßnahmen zu setzen und entsprechende Wiederaufbauprogramme zu starten. Eine gute Möglichkeit bieten hier Investitionen, die auch den Klimaschutz fördern. Wenn diese richtig gesetzt und vor allem Innovationen vorangetrieben werden, entsteht eine Win-Win Situation für die Wirtschaft und die Umwelt. Für das Exportland Österreich sind natürlich auch offene Grenzen ganz wesentlich.  
Die EU prognostiziert der heimischen Wirtschaft, trotz des extrem hohen Tourismusanteils, eine deutlich bessere Entwicklung als im EU-Schnitt. Was sind die Stärken des Wirtschaftsstandorts Österreich, die ihm vielleicht helfen, weniger tief und weniger lang als andere Volkswirtschaften in eine Rezession zu fallen?
Die österreichische Bundesregierung hat von Beginn an klar kommuniziert und im Vergleich zu anderen Ländern sehr rasch Maßnahmen gegen COVID19 gesetzt. Zu Beginn stand die Gesundheit der Bevölkerung im Vordergrund, aber es wurden auch sehr schnell Hilfsprogramme für die Wirtschaft geschnürt. Durch die sehr früh gesetzten Maßnahmen konnten einzelne Bereiche auch schneller wieder geöffnet werden. In der Bevölkerung kommt es jetzt auch zu einem Umdenken und Regionalität sowie Produkte „Made in Austria“ haben wieder einen höheren Stellenwert. Vielen wird endlich wieder bewusst, wie wichtig die regionalen Betriebe als Arbeitgeber und Steuerzahler sind, und, dass diese mit regionalem Einkauf gestärkt werden müssen. Die Krise hat auch gezeigt, dass Versorgungsicherheit nur mit lokaler Produktion und gesamten Wertschöpfungsketten hier in Europa gewährleistet werden kann. Dies bedeutet nicht, dass in Zukunft nur noch regional produziert werden soll, sondern, dass man bei wichtigen Produkten die Lieferketten überdenkt und diese wieder breiter aufstellt. Österreich ist ein Land der kleinen und mittleren Unternehmen. Sie sind das Rückgrat unserer Wirtschaft und die Basis für Wachstum, Beschäftigung und Wohlstand in unserem Land. Sie machen gemeinsam mit den großen Leitbetrieben die Stärke des Wirtschaftsstandortes aus. Ihre Innovationskraft und Flexibilität sichern auch den zukünftigen Erfolg der österreichischen Wirtschaft. Deshalb ist es auch so wichtig, jetzt entsprechende Maßnahmen speziell für den Mittelstand zu setzen.

Eine Frage an die Unternehmerin Rabmer-Koller: Sollte man sich jetzt darauf konzentrieren, irgendwie durch die Krise zu kommen, oder ist es jetzt Zeit, Strukturen und Unternehmensstrategien so zu verändern, dass man letztlich solider und zukunftsorientierter aufgestellt ist als je zuvor? Stichworte Kostenstrukturen, Vertriebskanäle, Digitalisierung, Produktinnovationen …
In jeder Krise liegt auch eine Chance. Natürlich standen am Anfang die Gesundheit des Teams sowie die Absicherung des Unternehmens im Vordergrund. Aufgrund der guten Entwicklung in den vergangenen Jahren sind wir relativ gut aufgestellt. Wir haben die Zeit genutzt und einzelne Geschäftsbereiche durchleuchtet sowie neue Strategien für die Zukunft ausgearbeitet. Die Digitalisierung geht nun viel schneller voran und ermöglicht effizientere Abläufe und neue Vertriebswege. Videokonferenzen mit dem Team, mit Geschäftspartnern und Kunden sind mittlerweile Normalität. Diese sparen Zeit und ermöglichen eine Abstimmung auf kurzem Wege. Wir haben erstmals auch Beratungs-Webinare für Kunden erstellt sowie unseren Onlineshop optimiert und ausgebaut. Unser Ziel ist – trotz allem – mit unterschiedlichen Maßnahmen die eingebrochenen Umsätze zu stabilisieren und andere Kundengruppen zu erschließen. Wichtig ist, dass man in so einer Situation nicht den Kopf in den Sand steckt, sondern aktiv neue Möglichkeiten und Potentiale sucht. Wir müssen uns auf die Gegebenheiten einstellen, bestmöglich mit der Situation umgehen und neue Chancen generieren.

Wirst Du in Dein Unternehmen heuer und 2021 wieder investieren oder setzt Du doch eher darauf, möglichst die Liquidität zusammenzuhalten?
Liquidität ist für ein Unternehmen das Blut in den Adern. Für mich war diese auch in der Vergangenheit schon immer extrem wichtig und so habe ich auch gleich am Anfang der Krise Maßnahmen gesetzt, um ausreichend finanzielle Mittel zu Verfügung zu haben. Das ermöglicht uns jetzt auch, entsprechende Investitionen zu tätigen. Natürlich haben wir unsere geplanten Vorhaben hinterfragt und setzen jetzt teilweise auch andere Schwerpunkte. Wir investieren nun stark in die Digitalisierung und in die Entwicklung und Vermarktung unsere Innovationen im Bereich Umwelttechnologie. Wir bieten hier viele tolle Produkte und Verfahren, die einen wesentlichen Beitrag zur Erreichung der Klimaziele leisten können und sehen gerade in den nächsten Jahren großes Potential dafür. Wir zeigen so auch, dass Investitionen in Klimaschutzmaßnahmen Einsparungen für den Anwender und gleichzeitig auch wirtschaftlichen Erfolg für die Unternehmen bringen.

Ich erlaube mir eine Frage zur Privatperson Ulrike Rabmer-Koller: Bei all der Krise und den schwierigen Umständen, nimmst Du Dir etwas Positives aus der Krise mit?
Die letzten Wochen haben gezeigt, dass wir uns wieder viel stärker auf die wesentlichen Dinge im Leben konzentrieren müssen. Die Familie und Werte, wie Zusammenhalt, Hilfsbereitschaft, Freundschaft, Miteinander und Nachhaltigkeit haben wieder eine ganz andere Bedeutung bekommen. Ich bin grundsätzlich ein optimistischer und positiver Mensch, deshalb habe ich auch versucht, im Unternehmen sofort die Chancen und Potentiale zu sehen und das Beste aus der Situation zu machen. Dies gelingt jedoch nur, weil alle an einem Strang ziehen und ihre volle Kraft einbringen. Ich bin stolz und dankbar, so ein großartiges Team zu haben. Es sind herausfordernde Zeiten, die wir nur gemeinsam meistern können.

Vielen Dank für das Gespräch!

Informationen zu Mag. Ulrike Rabmer-Koller: www.rabmer.at