Start Digitalisierung VERBUND: Die Energiezukunft wird definitiv dezentraler, erneuerbarer und digitaler

VERBUND: Die Energiezukunft wird definitiv dezentraler, erneuerbarer und digitaler

OLN News, 27.02.2019

Verbund Solutions-Chef Martin Wagner im Interview über „grünen Wasserstoff“, wie Kunden zu Energieproduzenten werden und welche neuen Geschäftsmodelle in der Pipeline warten.

Martin Wagner ist seit knapp fünf Jahren Geschäftsführer der Verbund Solutions GmbH, einem Tochterunternehmen des Energiekonzerns Verbund. Verbund Solutions wurde 2014 gegründet, um energienahe Dienstleistungen für Privat-, Gewerbe- und Industriekunden anzubieten. Das Unternehmen erschließt neue Märkte, geht Partnerschaften ein und möchte mit neuen Lösungen Kundennutzen stiften – insbesondere zur Steigerung der Energieeffizienz unter Einsatz erneuerbarer Energiequellen. In Entwicklungs- und Vertriebspartnerschaften bringt das junge Unternehmen, gemeinsam mit strategischen Partnern, neue Produkte und Energiedienstleistungen auf den Markt.

LEADERSNET hat sich mit Martin Wagner zum Interview getroffen und sich mit ihm über die Demokratisierung des Energiemarktes, die Auswirkungen der voranschreitenden Digitalisierung, das Potential von Wasserstoff und was es mit dem Projekt H2Future auf sich hat.

LEADERSNET: Herr Wagner, Sie leiten als einer von zwei Geschäftsführern das Verbund-Tochterunternehmen Verbund Solutions GmbH. Nun ist die Wasserkraft – deren erfolgreiche Nutzung den Verbund seit Jahren antreibt und als führendes heimisches Stromunternehmen gelten lässt – ja bereits eine erneuerbare und nachhaltige Art der Energiegewinnung. Was war also der Stein des Anstoßes zur Gründung der Tochtergesellschaft 2014 mit Fokus auf neue Energiedienstleistungen für die erneuerbare Energiezukunft?

Wagner: 2014 war es an der Zeit eine eigene Gesellschaft für alle neuen Energiedienstleistungen zu gründen, um schneller am Markt zu sein. Im Zentrum steht die Geschäftsmodellentwicklung mit und für unsere Kunden mit Fokus auf Photovoltaik, Speicher und Wasserstoff. B2B-Dienstleistungen wie Demand Response ergänzen das Spektrum. In unseren Beteiligungsstrukturen wie beispielsweise dem E-Mobility Provider Smatrics, treiben wir die Elektromobilität voran.

LEADERSNET: Wie ist denn die aktuelle Lage zum Energieverbrauch und zu den Anforderungen an Energiedienstleister in Österreich? Welche Entwicklungen können Sie beobachten, ist hier ein Anstieg zu verbuchen?

Wagner: Verbund stellt eindeutig Kundenbedürfnisse in den Mittelpunkt. Es gibt vier Trends die uns begleiten und die unser unternehmerisches Tun leiten: Dezentralisierung, Demokratisierung, Digitalisierung und Dekarbonisierung. Bei der Dezentralisierung geht es um das Verlangen unserer Kunden nach mehr Energie-Autarkie. Hier spielen Menschen und Unternehmen plötzlich am Energiemarkt mit, weil sie selber Strom mit Photovoltaik produzieren, diesen auch speichern und auch wieder in das Netz zurückeinspeisen. Das muss der Energiemarkt erst verdauen. Umso mehr ist es uns eine Freude Dienstleistungen zu entwickeln, die mit unseren Kunden dieses Verhältnis neu gestalten.

Demokratisierung heißt, dass die Energiewirtschaft viel greifbarer wird. Kunden tragen gemeinsam mit der Energiewirtschaft dazu bei, dass das Energiesystem stabiler wird – ein symbiotisches System vom Verteilnetzbetrieb, vom Kraftwerk und vom Kunden aufgebaut – das wir hier begleiten. Von privaten Anwendungen wie der E-Mobilität mit unserer Tochter Smatrics, die für die Elektrifizierung der Hauptverkehrswege sorgt. Die Errichtung von Wasserstoffanlagen für die Industrie – ein Projekt gemeinsam mit der voestalpine. Und Batteriespeicher, die helfen auf der Seite der Netzkosten große Einsparungen zu erzielen.

LEADERSNET: Und was hat es mit den Themen Digitalisierung und Dekarbonisierung auf sich?

Wagner: Digitalisierung ist ein Thema, das alle Branchen beschäftigt und an niemandem spurlos vorbeigeht. Es werden viele neue Abläufe, Services und Dienstleistungen generiert. Und natürlich spielt hier auch das Thema Dezentralisierung hinein. Privatkunden aber auch Gewerbe und Industrie werden immer mehr Teil des neuen Energiesystems. Wir sehen Personen – sogenannte Prosumer – mit Photovoltaik-Anlagen und Speichern nicht als isolierte Inseln, sondern binden sie bestmöglich ein. Auch hier spielt die Dezentralisierung und Demokratisierung zusammen.

Thema Dekarbonisierung: EU-seitig verordnete neue Rahmenbedingungen fördern den effizienten Einsatz von Energie. Verbund leistet auch hier seinen Beitrag, wie z. B. durch Netzwerke, die wir auf der Energieberatungsseite aufbauen und begleiten. Und wir sind der größte Anbieter von Demand Response Leistungen – vom Einsatz von Erzeugungs- aber auch Verbrauchskapazitäten bei Industriekunden, die wir zur Ausbalancierung des Stromnetzes einsetzen und vermarkten. All diese Trends zeigen, dass sich die Energiewirtschaft öffnet und auch neue Player am Markt agieren. Das bedeutet, dass die Industrieanlage aus der Region, aber genauso der Nachbar von nebenan mit seinem Speicher und seiner PV-Anlage, ein integraler Teil des Energiesystems werden.

LEADERSNET: Stichwort Innovationskraft: Wie weit ist die erneuerbare Energiezukunft entfernt, an welchen Innovationen wird aktuell gearbeitet, was ist schon jetzt Realität und was Zukunftsmusik?

Wagner: Verbund ist heute schon beinahe zu 100 Prozent erneuerbar. Mit unseren Themen und Energiedienstleistungen sind wir mittendrin in der Energiezukunft. Egal ob es um das Thema Flexibilität, Speicher, Photovoltaik oder grüner Wasserstoff geht. Demand Response also Verbund-Power-Pool und Photovoltaik sind schon Realität. Diese Themen werden laufend weiterentwickelt. Bei (Batterie)-Speicher und „grünem Wasserstoff“ stehen wir noch am Beginn, aber in beiden Bereichen sehen wir großes Potenzial.

LEADERSNET: Apropos „grüner Wasserstoff“: Was ist „grüner Wasserstoff“ genau und in welchem Ausmaß setzen Sie in ein?

Wagner: Heute wird Wasserstoff durch Dampfreformation aus fossilen Brennstoffen erzeugt, meist aus Erdgas. Dabei entstehen erhebliche CO2-Emissionen. In Zukunft wird Elektrolyse von Wasser mittels Strom aus erneuerbaren Energien zur Hauptquelle von grünem Wasserstoff mit minimalem CO2-Footprint. Bei dieser Methode wird mit Hilfe von „grünen“ Elektronen Wasser in seine Grundkomponenten Wasserstoff und Sauerstoff gespalten – dies funktioniert mit der PEM (Proton Exchange Membrane)-Elektrolyse. Derzeit arbeiten wir an zwei Projekten: einmal in der Stahlproduktion, einem der energieintensivsten Industriesektoren, sowie im Bereich Mobilität. Konkret soll im Jahr 2020 die Zillertalbahn als erste Schmalspurbahn der Welt mit Wasserstoff fahren und mit Wasserkraftstrom aus den lokalen Verbund-Kraftwerken im Zillertal betrieben werden.

LEADERSNET: Ist Wasserstoff tatsächlich, wie es ihm nachgesagt wird, der Energieträger der Zukunft, die Kerntechnologie der „neuen Energiewelt“?

Wagner: Wasserstoff birgt großes Potenzial in sich. Besonders für den industriellen Einsatz eignet sich dieser zukunftsweisende Energieträger, aber auch als Speichertechnologie, um die volatile Stromerzeugung aus den neuen erneuerbaren Energien auszugleichen und damit optimal in das System zu integrieren. Zentraler Wandlungsschritt für die Kopplung erneuerbarer Energien (EE) mit Wasserstoff und gegebenenfalls Folgeprodukten, ist die Wasserelektrolyse. Damit würde Wasserstoff wesentlich zur Erreichung der Klimaziele beitragen und den Ausbau erneuerbarer Energien unterstützen. Zusätzlich ist grüner Wasserstoff ein wesentlicher Hebel um sektorübergreifend CO2 Reduktionspotenziale zu heben: In der Industrie, im Mobilitätsbereich oder als Speichermedium.

LEADERSNET: Wir haben hier von Ihrem Projekt H2Future gemeinsam mit namhaften heimischen Industrieunternehmen gehört. Möchten Sie uns hierzu mehr erzählen, wer sind Ihre Partner und worum geht es?

Wagner: Verbund koordiniert das EU geförderte F&E Projekt H2Future, in dem neben Voestalpine auch z. B. Siemens, APG und andere mitarbeiten. In diesem Projekt wird durch eine sogenannte PEM (Polymer Elektrolyt Membran) Elektrolyse aus grünem Strom grüner Wasserstoff für die Stahlindustrie erzeugt. Er soll langfristig Koks und Kohle als Reduktionsmittel ersetzen. Der 6 Mega Watt PEM-Elektrolyseur am Voestalpine Standort in Linz wird im Zuge des Projekts für alle drei Regelenergiemärkte präqualifiziert, der PEM Elektrolyseur liefert also nicht nur grünen Wasserstoff, sondern wird auch für netzdienliche Services eingesetzt. Der PEM Elektrolyseur wird im Laufe des Jahres am Standort der Voestalpine in Linz in Betrieb genommen. Dann startet der 26 monatige Testbetrieb im Rahmen des F&E Projekts.

LEADERSNET: Es wirkt, als würden die Weichen für die Zukunft der erneuerbaren Energien tatsächlich gerade gestellt werden. Ist es denn wirklich bereits jetzt möglich, zu sagen, wie diese Energiezukunft aussehen wird?

Wagner: Die Energiezukunft wird definitiv dezentraler, erneuerbarer und digitaler. Die Dezentralisierung am Energiemarkt bedeutet auch, dass Energie nicht mehr nur durch zentrale Großerzeuger produziert wird, sondern zunehmend von vielen kleinen, dezentralen Anlagen. Die Dezentralisierung im Markt geht auch mit einer Individualisierung einher. Kunden wollen Teil der Lösung sein und Eigenerzeugung und -verbrauch optimieren. Diesem Bedürfnis tragen wir Rechnung, indem wir beispielsweise den Bau und Betrieb von Photovoltaik-Anlagen forcieren und die Themen Speicher und Elektromobilität vorantreiben. Mieter oder Eigentümer von Photovoltaik-Anlagen sind dann Konsumenten des produzierten Stroms, treten aber auch als Erzeuger auf, indem Überschüsse in das allgemeine Netz eingespeist werden. Sogenannte Micro-Grids gehen einen Schritt weiter. So bezeichnet man kleinteiliges lokales, Netzmanagement. Hier gibt es bereits erste Pilotprojekte.

LEADERSNET: Was sind mögliche Stolpersteine auf dem Weg zu dieser Energiezukunft und wie umgeht man sie oder begegnet ihnen? Was sehen Sie als die größte Herausforderung?

Wagner: Ich würde es eher Herausforderungen nennen. Die immer volatiler werdende Produktion der erneuerbaren Energiequellen erfordert neue Lösungen und Wege um die Versorgungssicherheit zu gewährleisten. Mit dem Power-Pool, der Flexibilitäten in den Industrie-Anwendungen nutzbar macht und sichert, bieten wir hier schon interessante Produkte an. Weitere Schwerpunkte liegen in der Nutzung von grünem Wasserstoff um die Produktion von Energie dem Bedarf anzupassen und räumliche Distanzen zu überwinden sowie als Speichermedium.

LEADERSNET: Denken Sie es gibt noch weitere Quellen für erneuerbare und nachhaltige Energiegewinnung an die wir noch gar nicht gedacht haben? Wird auch in diese Richtung geforscht?

Wagner: Wir betreiben keine Grundlagenforschung. Wir prüfen neue Technologien auf ihre wirtschaftliche Umsetzbarkeit und entwickeln gemeinsam mit unseren Kunden Lösungen und Services für die Energiezukunft.

LEADERSNET: Was wünschen Sie sich persönlich für den weiteren Weg der Verbund Solutions GmbH, welche Ziele haben Sie sich gesteckt?

Wagner: Wir gestalten die Energiezukunft aktiv mit und leisten einen substanziellen Beitrag für eine sichere, bezahlbare und umweltschonende Energieversorgung. Mit unseren Aktivitäten in Richtung Digitalisierung und Dekarbonisierung des Energiesystems stärken wir den Wirtschaftsstandort Österreich. Neben dem kontinuierlichen Kompetenz- und Markt-Aufbau in strategischen Themen wie Photovoltaik, Speicher und grüner Wasserstoff, werden wir in diesem Jahr auch die Bereiche Flexibilität und emissionsfreie Mobilität weiter forcieren. Unser Ziel ist eine schlauere Strom-Zukunft für Österreich und Europa.

www.verbund.com

Titelbild: Martin Wagner
© Verbund