Gregor Rossmann, Experte für Gehirntraining © Gregor Rossmann

Georg Rossmann: Der blinde Fleck: Unternehmenserfolg beginnt im Nervensystem (Gastkommentar)

„Unternehmen investieren in Führung, Gesundheit und Weiterbildung. Trotzdem nehmen Stress, Erschöpfung und Konzentrationsprobleme zu. Woran liegt das wirklich?“

Wenn ich mit Führungskräften spreche, höre ich seit Jahren dieselben Sätze: „Ich schlafe, bin aber trotzdem müde.“ „Ich lese eine E-Mail dreimal und weiß danach nicht, was drinsteht.“ „In wichtigen Meetings bin ich nicht mehr so klar wie früher.“ Das sind keine Einzelfälle und auch kein Zeichen mangelnder Motivation. Es sind Signale eines Nervensystems, das dauerhaft an seiner Belastungsgrenze arbeitet.

Die Reaktion vieler Unternehmen ist nachvollziehbar: noch ein Zeitmanagement-Seminar, noch ein Resilienz-Workshop, noch ein Mindset-Coaching. Diese Maßnahmen sind oft gut gemacht. Und trotzdem nehmen Erschöpfung, Konzentrationsprobleme und Krankenstände zu. Aus meiner Sicht liegt das an einem blinden Fleck.

Der blinde Fleck in der Personalentwicklung
Die meisten Programme setzen beim Verhalten an – bei dem, was wir sehen und besprechen können. Doch Verhalten ist das Ergebnis biologischer Prozesse. Ob ich mich konzentrieren kann, wie schnell ich nach einer stressigen Phase wieder zur Ruhe komme, wie gut ich unter Druck entscheide: All das wird von Gehirn und Nervensystem gesteuert. Wer nur an der mentalen Einstellung arbeitet, aber nicht an dem System, das diese mentale Einstellung überhaupt umsetzen muss, kratzt lediglich an der Oberfläche der Verhaltensänderung.

Ein Bild, das ich in meinen Firmencoachings und Seminaren gerne verwende: Man kann einem Menschen tausendmal sagen, er solle gelassen bleiben. Solange sein Nervensystem im Alarmmodus ist, wird ihm das nicht gelingen. Umgekehrt gilt: Ist das Nervensystem reguliert, entstehen Ruhe, Fokus und Klarheit fast von selbst. Deshalb sage ich bewusst: Ich arbeite nicht an Motivation. Ich arbeite an dem System, das Motivation, Leistung und Erholung erst möglich macht.

Was Neurotraining konkret bedeutet
Neurotraining basiert auf den Erkenntnissen der funktionellen Neurologie. Wir aktivieren und trainieren gezielt Gehirnareale, Hirnnerven und Sinnessysteme. Diese Systeme liefern dem Gehirn laufend Informationen darüber, ob die Lage sicher ist. Sind sie gut abgestimmt, kann das Gehirn Energie in Denken, Planen und Kreativität investieren. Sind sie es nicht, bleibt ein Teil der Leistung in der ständigen Gefahrenbewertung gebunden

Der Einstieg erfolgt bewusst „von unten nach oben“: Zuerst geht es um die Grundlagen – um die Regulation des Nervensystems. Erst darauf bauen wir kognitive Themen wie Aufmerksamkeitssteuerung, Impulskontrolle oder Entscheidungsfähigkeit unter Druck auf. Die Übungen dauern oft nur wenige Minuten, lassen sich direkt am Arbeitsplatz durchführen und brauchen weder Umkleide noch Trainingsraum. Das macht den Unterschied zu vielen Gesundheitsangeboten, die im Arbeitsalltag schlicht untergehen.

Warum das für Unternehmen so relevant ist
Wissensarbeit ist Gehirnarbeit. In IT, Banken, Beratung, Kanzleien, Forschung, aber auch in der Industrie sind Aufmerksamkeit und Urteilsvermögen die eigentlichen Produktionsfaktoren. Dauerhafte Unterbrechungen, Informationsflut und hoher Entscheidungsdruck belasten genau jene Systeme, die wir für diese Arbeit brauchen. Ein Team, das gelernt hat, sein Nervensystem gezielt zu regulieren, arbeitet fokussierter, erholt sich schneller und bleibt auch in intensiven Phasen handlungsfähig.

Für Führungskräfte kommt eine zweite Ebene hinzu: Das Nervensystem einer Führungskraft wirkt auf das ganze Team. Wer selbst ruhig und klar bleibt, schafft Sicherheit – und damit die Voraussetzung dafür, dass andere ihre Leistung abrufen können. Nachhaltige Leistung beginnt also nicht erst beim Verhalten, sondern bei der Biologie, die Leistung überhaupt ermöglicht.

Mein Wunsch an Entscheider:innen ist einfach: Betrachten Sie die Leistungsfähigkeit Ihrer Mitarbeitenden nicht nur als Frage von Motivation, Kultur oder Kompetenz. Sie ist auch eine Frage der Biologie. Wer diese Ebene mitdenkt, investiert nicht in ein weiteres Programm – sondern in das Fundament, auf dem alle anderen Maßnahmen erst wirken können.

Eine neue Perspektive auf Leistung und Performance
Wenn wir Menschen zu mehr Resilienz befähigen wollen, sollten wir verstehen, wie ihr Nervensystem mit Belastung umgeht. Wenn wir Konzentration fördern wollen, sollten wir uns mit den biologischen Grundlagen von Aufmerksamkeit beschäftigen. Und wenn wir nachhaltige Leistungsfähigkeit und Performance erreichen wollen, sollten wir nicht nur fragen, wie Menschen mehr leisten können, sondern auch, unter welchen Bedingungen Leistung langfristig möglich bleibt.
Das ist für mich der entscheidende Perspektivwechsel. Leistung beginnt deshalb nicht erst beim Ergebnis und auch nicht erst beim Verhalten.
Sie beginnt bei den Systemen dahinter – und damit bei unserem Gehirn und unserem Nervensystem.

Zur Person
Mag. Gregor Rossmann ist Sportwissenschaftler und Experte für Gehirntraining, Stressregulation und funktionelle Neurologie. Er leitet das Institut für Neurotraining in Graz und begleitet Unternehmen, Führungskräfte und Teams mit Neuro-Coaching, Neuro-Seminaren, Keynotes und Neuro-Leadership-Retreats.

Institut für Neurotraining
www.gregor-rossmann.com · hallo@gregor-rossmann.com · +43 (0) 676 3574167

„Spitzenleistung entsteht nicht durch noch mehr Druck. Wer sein Nervensystem gezielt regulieren kann, bleibt auch unter hoher Belastung fokussiert, entscheidungsfähig und gesund.“

GREGOR ROSSMANN
Experte für Gehirntraining

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