Wie kann Inklusion nicht nur mitgedacht, sondern fest in der Unternehmenskultur verankert werden? AfB verbindet seit über 20 Jahren IT-Dienstleistungen mit sozialer Verantwortung und schafft Arbeitsplätze für Menschen mit und ohne Behinderung. Im Interview spricht Sven Nagelsdiek, Inklusionsbeauftragter und Betriebssozialarbeiter bei AfB, über gelebte Chancengleichheit, bestehende Barrieren am Arbeitsmarkt und die Potenziale, die eine inklusive Unternehmenskultur für Mitarbeitende und Unternehmen bietet.
AfB verbindet seit über 20 Jahren IT-Dienstleistungen mit Inklusion. Welchen Stellenwert hat Inklusion in Ihrer Unternehmenskultur?
Inklusion ist bei afb kein Zusatzprogramm neben dem eigentlichen Geschäft, sondern sein Fundament. 2004 in Deutschland gegründet, sind wir seit 2010 auch in Österreich aktiv und seit über 20 Jahren angetreten, um zu zeigen, dass wirtschaftlicher Erfolg und gesellschaftliche Verantwortung sich nicht ausschließen, sondern gegenseitig stärken. Rund die Hälfte unserer Mitarbeitenden lebt mit einer Behinderung. Das ist für uns keine Kennzahl, sondern gelebter Alltag. Diese Haltung bestätigt sich auch von außen: 2026 wurde afb in Österreich mit dem staatlichen Gütesiegel „Verified Social Enterprise“ ausgezeichnet, das nur rund drei Prozent der Sozialunternehmen im Land tragen dürfen. Mit der Unterzeichnung der Charta der Vielfalt bekennen wir uns außerdem zu einer Unternehmenskultur, die von Offenheit und Wertschätzung geprägt ist.
Welche positiven Auswirkungen gelebter Inklusion zeigen sich für Sie im Arbeitsalltag besonders deutlich?
Am deutlichsten sehe ich es an der Motivation und Zufriedenheit unserer Teams. Mitarbeitende, die bei uns Aufgaben übernehmen, an denen sie wirklich wachsen können, entwickeln ein starkes Selbstvertrauen und mehr Unabhängigkeit im eigenen Leben. Viele unserer Kolleginnen und Kollegen sind durch die Arbeit bei afb weniger auf Sozialleistungen angewiesen und gestalten ihren Alltag selbstständiger. Das wirkt sich spürbar auf das Betriebsklima aus: Wo Menschen mit unterschiedlichsten Voraussetzungen zusammenarbeiten, wird gegenseitiger Respekt zur Selbstverständlichkeit statt zur Ausnahme.
Chancengleicher Zugang zum Arbeitsmarkt ist nach wie vor nicht für alle Menschen gegeben. Wo erleben Menschen mit Behinderung aus Ihrer Erfahrung noch Barrieren – und welche Potenziale bleiben dadurch möglicherweise ungenutzt?
Die größte Barriere ist häufig gar nicht die Behinderung selbst, sondern die Erwartungshaltung des ersten Arbeitsmarkts: starre Anforderungsprofile, wenig Flexibilität bei Arbeitszeiten oder Aufgaben, und die Sorge vieler Unternehmen vor vermeintlichem Mehraufwand. Dadurch bleiben enorme Potenziale ungenutzt. Fachliche Fähigkeiten ebenso wie die besondere Sorgfalt und Zuverlässigkeit, die viele unserer Mitarbeitenden mitbringen, etwa im Refurbishment-Prozess werden nicht ausgeschöpft. Genau hier setzen wir an: afb schafft Arbeitsplätze, die statt Defizite die individuellen Stärken in den Mittelpunkt stellen.
Rund die Hälfte Ihrer Mitarbeitenden lebt mit einer Behinderung. Wie gelingt es, auch nicht sichtbare Behinderungen und individuelle Unterstützungsbedarfe im Arbeitsalltag zu berücksichtigen?
Entscheidend ist, dass wir nicht von einem Standardmodell ausgehen, sondern jeden Arbeitsplatz und jede Aufgabe individuell auf die jeweilige Person zuschneiden. Das gilt für sichtbare wie für nicht sichtbare Behinderungen gleichermaßen. Das reicht von angepassten Arbeitszeiten und Pausenregelungen bis zu klar strukturierten Abläufen, die Orientierung geben. Wichtig ist außerdem eine Unternehmenskultur, in der es keine Scheu gibt, Unterstützungsbedarf offen anzusprechen. Nur wenn Mitarbeitende sich sicher fühlen, ihre Bedürfnisse zu äußern, können wir als Arbeitgeber wirklich passgenau reagieren.
Welche Chancen bieten Inklusion und Chancengleichheit Unternehmen bei der Gewinnung neuer Mitarbeitender und insbesondere von Fachkräften?
In Zeiten von Fachkräftemangel kann es sich kein Unternehmen leisten, ganze Bewerbergruppen von vornherein auszuschließen. Wer sich für Inklusion öffnet, erschließt sich ein Potenzial an engagierten, loyalen Mitarbeitenden, das viele Wettbewerber ungenutzt lassen. Hinzu kommt: Eine glaubwürdige Inklusionskultur ist heute ein echtes Argument im Wettbewerb um Talente. Gerade jüngere Fachkräfte achten zunehmend darauf, für welche Werte ein Arbeitgeber steht. Unsere Mitgliedschaft im myAbility Wirtschaftsforum und im UnternehmensForum zeigt: Der Austausch zwischen Unternehmen zu diesem Thema wird immer wichtiger.
Wenn Sie einige Jahre vorausblicken: Was müssen Unternehmen heute verändern, um Inklusion in der Arbeitswelt stärker zu verankern und die damit verbundenen Potenziale besser zu nutzen?
Unternehmen müssen Inklusion von der freiwilligen Zusatzleistung zum strategischen Bestandteil ihrer Personalarbeit machen. Das bedeutet: Prozesse, Arbeitsplätze und Führungskultur von Anfang an so gestalten, dass Vielfalt mitgedacht wird, statt im Nachhinein Anpassungen vorzunehmen. Genauso wichtig ist der Austausch über Branchengrenzen hinweg. In Netzwerken wie CEFEC, wo afb bereits 2020 als „Europas Sozialunternehmen des Jahres“ ausgezeichnet wurde, entstehen die Impulse, die einzelne Unternehmen allein oft nicht setzen können. Wenn mehr Betriebe diesen Weg gehen, wird aus einzelnen Vorzeigebeispielen irgendwann der Normalfall.
Unsere allgemeine Abschlussfrage:
Was bedeutet die Auszeichnung als Leitbetrieb für Sie und für AfB? Welche Vorteile hat es, ein Vorbildunternehmen zu sein?
Ein Leitbetrieb setzt nicht auf kurzfristige Gewinne, sondern auf nachhaltigen Unternehmenserfolg. Genau das versuchen wir bei afb seit über 20 Jahren zu leben. Die Auszeichnung bestätigt uns, dass unsere Werteorientierung auch von außen als Treiber für unsere Branche wahrgenommen wird. Als Vorbildunternehmen tragen wir Verantwortung, unsere Erfahrungen zu teilen und andere Betriebe zu ermutigen, ähnliche Schritte zu gehen. Der eigentliche Wettbewerbsvorteil liegt für uns weniger im Prestige als in der Sichtbarkeit, die eine solche Vorbildfunktion schafft. Sie öffnet Türen für neue Partnerschaften und gibt unserer Arbeit und unseren Mitarbeitenden die Anerkennung, die sie verdienen.






