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Ölpreise-Höhenflug: Wird der Ausstieg aus fossilen Brennstoffen beschleunigt?

Die Rohölpreise haben sich nach ihrem jüngsten Höhenflug zuletzt etwas unter ihren Jahreshochs stabilisiert. Vor dem Hintergrund des Angriffskriegs Russlands gegen die Ukraine war der Preis für ein Fass (159 Liter) der Nordseesorte Brent zu Beginn der Vorwoche zeitweise auf knapp 140 US-Dollar und damit auf den höchsten Stand seit dem Jahr 2008 gestiegen. In diesem Jahr hatte der Preis der wichtigen Referenzölsorte seinen historischen Rekordwert von fast 150 Dollar erreicht. Mit den Ölpreisanstiegen wurden auch die zuvor schon kursierenden Ängste vor hoher Inflation und gegensteuernden Zinserhöhungen der Notenbanken weiter angeheizt. Angetrieben wurde die Ölpreisrally von der Sorge vor einer Verknappung des Angebots, wenn es zu Unterbrechungen oder einem generellen Aus der für viele Länder wichtigen Ölimporte aus Russland kommt.

Die Aussicht auf Auflösungen strategischer Ölreserven, einen Ausgleich durch verstärkte Ölimporte aus anderen Ländern und eine mögliche Rückkehr der Ölexporte aus dem Iran und Venezuela haben zuletzt zu einer leichten Entspannung am Ölmarkt geführt. Der Brent-Ölpreis lag Ende der Woche nur mehr bei gut 110 Dollar je Fass. Russland selbst hat zuletzt versichert seinen Öl-Lieferverpflichtungen weiter nachzukommen. Die Sanktionen vieler westlicher Länder gegen Russland wegen der Invasion der Ukraine könnte ein Aus der Ölimporte aus Russland bedeuten.

USA und Großbritannien verbieten Ölimporte aus Russland
So haben die ersten Sanktionen gegen Russlands Finanzsektor dazu geführt, dass russisches Öl im Westen weniger Abnehmer findet, da sie die damit verbundene Zahlungsabwicklungen deutlich erschweren. Mittlerweile haben die USA ein generelles Importverbot für Öl aus Russland erlassen. Großbritannien will bis Ende dieses Jahres kein russisches Öl mehr importieren und will den Ausstieg aus russischem Gas noch prüfen.

In der stärker von den russischen Importen abhängigen EU wird die Frage noch diskutiert. Bei einem Gipfeltreffen in der vergangenen Woche konnten sich die EU-Chefs noch nicht zu einem Öl- und Gasembargo durchringen. Ein Stopp der Importe von Öl, Gas und Kohle wäre eine der schärfsten Strafmaßnahmen der EU für das wirtschaftlich stark von Rohstoff-Verkäufen abhängige Russland. Laut der Internationalen Energieagentur (IEA) stammten im Jänner rund 45 Prozent der russischen Haushaltsmittel aus Steuern und Zöllen auf den Export von Öl und Gas. Ein Import-Stopp würde einige EU-Länder wie etwa Österreich und Deutschland hart treffen, die derzeit in hohem Maße von Gas und Öl aus Russland abhängig sind.

EU will Abhängigkeit von russischem Öl- und Gas rasch reduzieren
Bis Mai soll eine Strategie entwickelt werden, wie die EU bis 2027 von russischem Öl, Gas und Kohle unabhängig werden könne, sagte der EU-Ratspräsident Charles Michel am Freitag nach dem EU-Gipfel. Die IEA arbeitet an solchen Strategien und will bereits im März ein 10-Punkte-Programm vorstellen, wie der Ölverbrauch in kurzer Zeit stark reduziert werden kann. Einen 10-Punkte-Plan, wie die EU ihre Abhängigkeit von Russlands Gaslieferungen schnell und drastisch senken kann, hat die Energieagentur Anfang des Monats vorgelegt.

Der Verbund sieben führender Industrienationen G7 arbeitet ebenfalls an derartigen Strategien. Langfristig setzen die G7-Länder auf einen Ausbau Erneuerbarer Energien und eine generelle Abkehr von fossilen Brennstoffen. Kurzfristig liegt die Hoffnung auf Produktionsausweitungen anderer Länder. Die Energieminister der G7-Staaten appellierten im Rahmen ihres Treffens in der vergangenen Woche an die größten Öl-Exporteure und insbesondere an die OPEC-Länder eine Ausweitung ihrer Öl- und Gaslieferungen zu prüfen.

Anfang März hatte der erweiterte Verbund von 23 Ölförderländern der OPEC+, dem auch Russland angehört, seinen Kurs einer nur schrittweisen und moderaten Ausweitung des Rohölangebots trotz der aktuellen Lage noch bestätigt. Ein Botschafter der Vereinigten Arabischen Emirate hat zuletzt ein Eintreten des Landes für höhere Ölförderungen in Aussicht gestellt, dann allerdings wieder einen Rückzieher gemacht. Analysten zufolge dürften Fördererhöhungen bei dem kommenden Treffen der OPEC+ Ende März ein Thema werden.

Ende der Sanktionen gegen Iran und Venezuela könnte die Länder auf den Ölmarkt zurückholen
Gelindert werden dürften die Ängste vor einer Verknappung des Ölangebots von der Aussicht, dass mit einer möglichen Aufhebung der Sanktionen gegen den Iran und Venezuela wieder Erdölexporte aus den beiden Ländern auf den Markt kommen könnten. Unter dem neuen US-Präsidenten Joe Biden waren die Gespräche über ein Atomabkommen mit dem Iran wieder in Gang gekommen. In Wien verhandeln nun seit Monaten der Iran und eine Staatengruppe über das Atomprogramm des Landes.

Eine Neuauflage des unter Ex-US-Präsident Donald Trump aufgekündigten Atom-Abkommen soll den Iran daran hindern, ein Atomwaffenprogramm aufzubauen, und ihm zugleich ermöglichen, Atomenergie zu friedlichen Zwecken zu nutzen. Eine Einigung könnte eine Aufhebung der Sanktionen gegen den Iran bringen, womit iranisches Öl auf den Weltmarkt zurückkehren könnte.

Venezuela erhofft sich von den Sanktionen gegen Russland eine neue Rolle am Energiemarkt. Der Staat verfügt über die größten Ölreserven der Welt, hat aber zuletzt unter den Sanktionen gegen seine autoritäre Regierung und auch dem Missmanagement gelitten. Die Fördermengen in Venezuela waren damit drastisch gefallen: Wurden vor 20 Jahren noch 3 Millionen Fass täglich gefördert, waren es zuletzt nur mehr 668.000 Fass pro Tag. Doch nun will Venezuela seine Ölproduktion kräftig ankurbeln.

Die USA hat nach ihrem Stopp russischer Ölimporte Interesse an Öl aus Venezuela signalisiert. Vertreter der US-Regierung sagten dem Land eine Lockerung der seit 2019 bestehenden Sanktionen zu, unter der Voraussetzung, dass Öl in die USA geliefert wird, berichtete die Agentur Reuters unter Berufung auf Informanten aus dem Verhandlungskreis. Eine erste Verhandlungsrunde von Regierungsvertretern beider Länder dürfte noch keine Einigung gebracht haben. So drängen die USA weiter auf freie Präsidentschaftswahlen, berichtete Reuters.

Sichergestellt werden soll das Ölangebot kurzfristig durch die Auflösung strategischer Reserven. Die USA und ihre Verbündeten haben in Reaktion auf die Ölpreisanstiege einen Teil ihrer Ölreserven auf den Markt geworfen. Die IEA-Mitgliedsstaaten haben sich bei einem Treffen Anfang März auf die Freigabe von 60 Millionen Barrel verständigt. Die USA allein wollen davon 30 Millionen Barrel stemmen. Zuletzt hat die IEA ihre Bereitschaft signalisiert notfalls noch mehr Reserven freigeben zu wollen.

Langfristiges Ziel: Unabhängigkeit von fossilen Brennstoffen
Langfristig zielt die Strategie vieler Industrieländer ohnedies darauf ab, den geplanten Ausstieg aus fossilen Brennstoffen angesichts der aktuellen Ereignisse zu forcieren. So sieht EU-Kommissionspräsidentin Ursula Von der Leyen die Europäische Union nun an einem „Scheidepunkt“. Die Europäer müssten ihre Abhängigkeit von russischen fossilen Energieträgern wie Erdgas, Öl und Kohle beenden und erneuerbare Energien massiv ausbauen, sagte Von der Leyen am Ende des vergangenen EU-Gipfels am Donnerstag. Bis 2027 sollten damit keine Öl- und Gasimporte aus Russland notwendig sein. Auch die G7 sehen den Ausbau von Erneuerbarer Energien und solchen, mit geringem CO2-Ausstoß, als wichtigstes Instrument für die Energiesicherheit. Daher halte man auch an den Klimazielen der Weltgemeinschaft fest, hieß es nach dem jüngsten Treffen der G7-Energieminister.

Rohstoffaktien im Aufwärtstrend
Bis zu einer wirklichen Unabhängigkeit von fossilen Energieträgern ist es noch ein langer Weg. Die Nachfrage nach Rohstoffen ist aktuell hoch. Aktien von Unternehmen im Rohstoffsektor waren eine der wenigen Anlageklassen, die im aktuellen Umfeld eine positive Wertentwicklung an den Tag legten. Eine Ergänzung im Portfolio kann aus Diversifikations-Gründen Sinn machen, zumal sich die Wirtschaft in der Erholungsphase nach der Pandemie befindet und sich die Rohstoff-Nachfrage kaum abschwächen dürfte bzw. erst die Lieferengpäse in vielen Teilen der Industrie aufgelöst werden müssen.

Der ERSTE STOCK COMMODITIES investiert weltweit in Unternehmen aus dem Bereich Rohstoffe. Im Rahmen der Anlagestrategie wird ein ausgewogenes Portfolio aus den Branchen Grundstoffe und Energie sowie eine stärkere Gewichtung in Unternehmen der entwickelten Märkte angestrebt. In den Veranlagungsprozess sind ökologische und soziale Faktoren sowie Unternehmensführung.

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