v. l. n. r.: Mathias Gérard (Kellner & Kunz AG) und Monika Sandberger (z.l.ö.) | Fotocredits: Kellner & Kunz AG / z.l.ö.

Mathias Gérard (Kellner & Kunz AG) & Monika Sandberger (z.l.ö.): „Die Zusammenarbeit ist eine große Bereicherung“ (Interview)

Wie funktioniert inklusive Beschäftigung? Welche Rahmenbedingungen braucht es? Und wie verändert sich dadurch auch das Miteinander im Unternehmen? Ein Gespräch mit Mathias Gérard, dem Leiter der Nachwuchsakademie der Kellner & Kunz AG mit Sitz in Wels, und Monika Sandberger. Geschäftsführerin von z.l.ö. – zukunft.lehre.österreich.

Für die Kellner & Kunz AG ist Inklusion kein Schlagwort, sondern wird gelebt. Allein im Dienstleistungszentrum sind 150 Kolleg:innen mit Beeinträchtigung tätig. Wie hat sich dieses Engagement entwickelt?
Gérard: „Bei Kellner & Kunz hat die Zusammenarbeit mit Menschen mit Beeinträchtigung eine sehr lange Tradition. Bereits in den 1980er-Jahren startete eine enge Kooperation mit verschiedenen externen Werkstätten – damals zur Zusammenstellung von Kleinteile-Packages. Aufgrund der erfolgreichen Zusammenarbeit entstand die Idee, die beeinträchtigten Mitarbeitenden direkt in die eigenen Unternehmensabläufe zu integrieren. 2011 begannen wir mit drei Organisationen und hatten das Ziel, mindestens 50 Prozent der Tätigkeiten intern zu übernehmen.“

Der endgültige Startschuss…
Gérard: „Zur effizienten Abwicklung des steigenden Bedarfs an individuellen Sortiments- und Montagepackages entstand 2020 ein zusätzliches Dienstleistungszentrum auf einem eigenen Stockwerk und es wurden weitere barrierefreie Aufenthaltsräume und Sanitäranlagen realisiert. In unserem eigenen Verwiegezentrum packen Mitarbeitende mit Unterstützung von Menschen mit Beeinträchtigung RECA-Schrauben und Befestigungsteile um.“  

Inwiefern unterscheidet sich hier die Arbeitsumgebung von jener in der restlichen Firma?
Gérard: „Zu Beginn gab es natürlich viele Herausforderungen. Die Infrastruktur musste entsprechend angepasst werden – dazu gehören ausreichende Gangbreiten, barrierefreie Arbeitsplätze, Notstromversorgung für den Personenlift, eine spezielle Kantine und Rückzugsraum für Betreuer und Betreuerinnen sowie Parkplätze für Spezialfahrzeuge.“

Sandberger: „Entscheidend für den Erfolg inklusiver Beschäftigung sind passende Tätigkeitsbereiche, eine gute Begleitung und die Bereitschaft, Arbeitsabläufe bei Bedarf anzupassen. Unternehmen wie Kellner & Kunz zeigen sehr eindrucksvoll, dass Inklusion im betrieblichen Alltag erfolgreich gelebt werden kann.“

Wie werden die Kolleg:innen mit Beeinträchtigung unterstützt?
Gérard: „Wir arbeiten in unserem Dienstleistungszentrum mit verschiedenen Kooperationspartnern wie Fokus Mensch, Caritas oder Pro Mente zusammen und haben dadurch den Vorteil, dass eigene Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen dieser Partner uns bei der Arbeit und der Erledigung der Aufträge unterstützend zur Seite stehen. Zusätzlich bieten wir natürlich ein barrierefreies Umfeld inklusive Pausenraum und allem, was dazugehört.“

Jedes Jahr bietet Kellner & Kunz in Kooperation mit Fokus Mensch zwei Kolleg:innen mit Beeinträchtigung die Möglichkeit, eine Teilqualifizierung zum/zur Betriebslogistikkaufmann/frau zu absolvieren.
Gérard: „Wir machen damit sehr gute Erfahrungen. Unsere Teillehrlinge werden komplett in unser Lehrlingsteam integriert und haben dabei noch zusätzliche pädagogische-fachliche Betreuung unseres Kooperationspartners. Zusätzlich haben die Kolleginnen und Kollegen die Möglichkeit, nach der Teillehre in eine verlängerte Lehre umzusteigen, um damit genug Zeit zu haben, einen regulären Lehrabschluss zu absolvieren. Unsere Kollegin Christina Eggl ist genau diesen Weg gegangen und nach erfolgreicher Lehrabschlussprüfung eine nicht mehr wegzudenkende Bereicherung in unserem Bestandsmanagement.“

Sandberger: „Viele Jugendliche mit Beeinträchtigung verfügen über wertvolle Fähigkeiten, hohe Motivation und besondere Stärken, die im klassischen Bewerbungsverfahren nicht immer sichtbar werden. Entscheidend ist, nicht zuerst auf mögliche Einschränkungen zu schauen, sondern auf die Talente des jungen Menschen und darauf, unter welchen Rahmenbedingungen diese bestmöglich eingesetzt werden können.“

Was bringen die verlängerte Lehre oder die Teilqualifizierung?
Sandberger: „Inklusive Ausbildungsmodelle ermöglichen jungen Menschen, ihre Fähigkeiten zu entwickeln und Schritt für Schritt im Berufsleben Fuß zu fassen. Wir sehen, dass junge Menschen im Rahmen einer Teilqualifizierung mit der richtigen Förderung und Begleitung sehr häufig über sich hinauswachsen.“

Warum sind genau diese Möglichkeiten trotzdem wenig bekannt?
Sandberger: „Manche Betriebe befürchten einen hohen organisatorischen Aufwand oder wissen nicht, welche Beratung und Begleitung zur Verfügung steht. Deshalb braucht es verständliche Informationen, klare Ansprechstellen und eine verlässliche Begleitung während der gesamten Ausbildungszeit. Erfolgreiche Praxisbeispiele können zusätzlich zeigen, dass integrative Berufsausbildung für beide Seiten eine echte Chance ist.“

Und wie baut man Hemmschwellen ab?
Gérard: „Alle unsere Lehrlinge müssen im Laufe ihrer Lehre durch verschiedenste Logistikabteilungen rotieren. Grund dafür ist der Anspruch, dass unsere Lehrlinge nach der Lehre alle unsere abteilungsübergreifenden Prozesse gut verstehen – und da ist die Logistik ein riesiger Teil davon. Im Zuge dieser Rotation sind auch alle Lehrlinge bei uns im Dienstleistungszentrum tätig und arbeiten täglich mit Menschen mit Beeinträchtigung, um eventuelle Vorurteile abzulegen beziehungsweise diese erst gar nicht entstehen zu lassen.“

Sie sprechen von Vorurteilen: Wie ging es Ihnen selbst denn damit?
Gérard: „Ich komme aus einem Bereich, in dem die Arbeit mit Menschen mit Beeinträchtigung Teil des Jobs war. Und ich bin quasi damit aufgewachsen. Meine Mutter war – seit ich mich erinnern kann – in einer Wohngruppe für Menschen mit kognitiven und körperlichen Beeinträchtigungen tätig. Für mich ist die Arbeit also normal. Genau diese Haltung sollen unsere Lehrlingskollegen und Lehrlingskolleginnen auch entwickeln.“

Und wie zeigt sich das im Unternehmensalltag?
Gérard: „Vor allem spürt man ein sehr wertschätzendes und respektvolles Miteinander. Rückblickend hat sich die anfängliche Sorge, dass es Berührungsängste geben könnte, überhaupt nicht bestätigt. Im Gegenteil: Unsere Kolleginnen und Kollegen erleben die Zusammenarbeit mit Menschen mit Beeinträchtigung als große Bereicherung. Gerade unsere Lehrlinge berichten oft begeistert von ihren Erfahrungen und den neuen Perspektiven, die sie dadurch gewinnen.“

Sandberger: „Solche Erfahrungen hören wir auch von anderen. Unternehmen, die Inklusion nicht als Einzelmaßnahme betrachten, sondern als selbstverständlichen Teil ihrer Unternehmenskultur, berichten uns, dass die Zusammenarbeit nicht nur für die unmittelbar Beteiligten eine Bereicherung ist, sondern sich positiv auf das gesamte Team auswirkt. Das gegenseitige Verständnis wächst und die Mitarbeitenden entwickeln einen bewussteren Blick für unterschiedliche Fähigkeiten und Bedürfnisse.“

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