Monika Schüssler © ÖJAB

ÖJAB – Monika Schüssler: „Unternehmen brauchen Mut zur Inklusion und Vielfalt – und Menschen, die Menschen mögen“ (Interview)

Mit Diversität im Unternehmen können die besten Lösungen gefunden und die effizientesten Wege gegangen werden. Das meint Dr. Monika Schüssler, CEO der gemeinnützigen NGO ÖJAB, die 8.000 junge und alte Menschen beherbergt, betreut, pflegt und ausbildet. Ein Interview zum 80-jährigen Bestehen der ÖJAB.

Frau Dr. Schüssler, in der ÖJAB arbeiten Menschen unterschiedlicher Generationen, Herkunft und Lebensgeschichten zusammen. Was bedeutet diese Vielfalt für die Unternehmenskultur?
Es bedeutet, dass sich ein reiches Potenzial und ein Nährboden für unterschiedliche Meinungen und Sichtweisen im Unternehmen entwickelt. Die unterschiedlichen Sichtweisen folgen aus den Lebensgeschichten und Referenzerfahrungen, die ein Mensch gemacht hat. Sie bewirken unterschiedliche Denk- und Vernetzungsweisen.

In der ÖJAB treffen diese unterschiedlichen Persönlichkeiten aufeinander und tragen ihre Meinungen und Lösungen bei. Wenn wir dann eine Synthese dieser Meinungen herstellen, die unterschiedlichen Blickwinkel gegeneinander abwägen und in einen Best Case integrieren, dann gelingen sehr runde, ganzheitliche Vorgehensweisen. So finden wir in der ÖJAB die besten Lösungen und gehen die effizientesten Wege. Wir stellen sogar bewusst in diesem Sinne vielfältige Teams zusammen.

Das setzt voraus, dass man im Unternehmen diese Vielfalt gut managt. Es braucht die Bereitschaft, Mitarbeitende mit ihren unterschiedlichen Erfahrungen und Persönlichkeitsmerkmalen anzunehmen, ihnen zuzuhören, die positiven Beiträge zu erkennen und deren Umsetzung und Weiterentwicklung zu ermöglichen.

Dieser Vorteil der Diversität im Unternehmen ist für die ÖJAB mit ihren 800 hauptamtlichen und 200 freiwilligen Mitarbeitenden unverzichtbar. So können wir als sozial tätige Non-Profit-Organisation an 43 Standorten jungen Menschen Bildungschancen eröffnen, Seniorinnen und Senioren stationär und mobil pflegen und in Westafrika nachhaltige Entwicklungszusammenarbeit leisten. Seit vor genau 80 Jahren junge Arbeiter beim Wiederaufbau des Wiener Stephansdomes die „Jungarbeiterbewegung“ – so unser historischer Name – gegründet haben, spielte diese Diversität in der ÖJAB eine entscheidende Rolle und ermöglichte Vieles.

Auch die Menschen, die bei uns wohnen und die wir betreuen, erleben das Zusammentreffen unterschiedlicher Perspektiven als großen Mehrwert, beispielsweise in unseren 23 Studierenden- und Jugendwohnheimen und in unseren Bildungsprojekten.

Mehrere Generationen bringen unterschiedliche Erfahrungen, Erwartungen und Vorstellungen von Arbeit mit. Was können jüngere und ältere Mitarbeitende voneinander lernen?
Jüngere und Junge zeichnet Temperament, Emotionalität, Intensität und höchstes Engagement aus, geprägt von der digitalen Welt, von Technologie, Innovationsfreude und Innovationskraft. Bei den Älteren sehe ich deren große Erfahrung, Sicherheit, Besonnenheit, die kurzen Wege, den Anruf am Handy, um bestimmte Dinge rasch abzuklären, die Risikoabwägung und das Risikobewusstsein.
Hier können unterschiedlich alte Menschen wechselseitig voneinander lernen. Dazu braucht es ein gerüttelt Maß an Toleranz, Achtsamkeit und gegenseitigen Respekt.

Beim Begriff Inklusion denken viele zuerst an sichtbare körperliche Behinderungen. Tatsächlich sind Einschränkungen oder besondere Unterstützungsbedarfe häufig nicht auf den ersten Blick erkennbar. Was bedeutet ein wirklich inklusiver Arbeitsplatz aus Ihrer Sicht und was braucht es, damit alle Mitarbeitenden ihre Fähigkeiten bestmöglich einbringen können?
Ein wirklich inklusiver Arbeitsplatz aus ÖJAB-Sicht heißt, den Menschen in seiner Bedürfniswelt so anzunehmen, wie er oder sie sich präsentiert. In inklusiven Arbeitsumgebungen gilt es, einerseits ein hohes Niveau der geleisteten Arbeit und Zuverlässigkeit zu erreichen und andererseits den Menschen in seiner Belastung, in seinen Eigenheiten und seiner Tagesverfassung zu berücksichtigen. Jeder Mensch hat bestimmte Begabungsschwerpunkte und Fähigkeiten, einen bestimmten Fokus. Hier gilt es, genau hinzuspüren und zu ermöglichen, dass diese Menschen ihre Begabungen ohne unnötigen Druck einbringen können und dass sie sich am Arbeitsplatz angenommen, wertgeschätzt und selbstwirksam fühlen. Dazu sind psychologische Sicherheit, Offenheit, Ehrlichkeit und Vertrauen nötig – wie in allen zwischenmenschlichen Beziehungen.

Wie Inklusion funktionieren kann, zeigt die ÖJAB auch bei „AusbildungsFit“: Jugendliche mit sehr unterschiedlichen Bildungsbiografien und teilweise psychischen oder sozialen Belastungen werden individuell auf Ausbildung und Beruf vorbereitet. Wie ist dieses Angebot entstanden?
ÖJAB-„AusbildungsFit“ wird vom Sozialministeriumservice gefördert, vom Europäischen Sozialfonds kofinanziert und ist Teil des Netzwerks Berufliche Assistenz – NEBA. Das Angebot ist aus der Ausbildungs- oder Brückeninitiative „INTEGRAL“ entstanden, die die ÖJAB 2001 in Niederösterreich in Zusammenarbeit mit mehreren öffentlichen Stellen begann und dann weiterentwickelt hat.

Im heutigen ÖJAB-„AusbildungsFit“ (https://www.oejab.at/ausbildungsfit) holen Jugendliche ab 15 Jahren Schulwissen nach und lernen in „Fachbereichen“ Berufe und die Arbeitswelt kennen und können ihre Begabungen, Fähigkeiten und Interessen erkunden – theoretisch und praktisch in Betrieben und Firmen und orientiert nach dem Bedarf der Wirtschaft. Außerdem erhalten die Jugendlichen persönliches Coaching, erarbeiten Zukunftsperspektiven und stärken mit Sport ihre Gesundheit. Die ganztägige Teilnahme ist für die Jugendlichen kostenlos und dauert zwischen mehreren Monaten und eineinhalb Jahren. Unsere Trainer:innen und Coach:innen bringen unterschiedlichste Ausbildungen und vielfältige Lebenserfahrungen mit. Heute unterstützt die ÖJAB an acht AusbildungsFit-Standorten in Wien und Niederösterreich 600 Jugendliche pro Jahr.

Was können Sie anderen Unternehmen mitgeben, um Potenziale bei Menschen zu erkennen und zu fördern, die in klassischen Lebensläufen vielleicht übersehen werden?
Lassen Sie weiterhin Menschen Menschen rekrutieren und laden Sie Bewerber:innen für eine Stelle zum persönlichen Gespräch ein. Denn schriftliche Lebensläufe erzählen oft nicht alles Wesentliche über einen Menschen und seine Persönlichkeit.

Nehmen Sie sich Zeit für gesunde Führung, für Gespräche, Zuhören. Machen Sie als Recruiter:in oder als Führungskraft Ausbildungen, die mit Mitmenschlichkeit, mit dem menschlichen Gefühl und dem menschlichen Erlebnisraum zu tun haben, und wenden Sie diese Erfahrungen in den Gesprächen und den zwischenmenschlichen Interaktionen im Unternehmen an. Lassen Sie als Führungskraft Ihre Mitarbeitenden spüren, dass Sie sich mit ihnen auseinandersetzen und auf sie eingehen. Zeigen Sie Präsenz in Meetings. Zeigen Sie sich authentisch in Ihrer Persönlichkeit.

Jeder Mensch ist tatsächlich einzigartig und wunderbar, und das sollten wir den Menschen, die bei uns arbeiten, auch vermitteln. Es braucht Mut zu Inklusion und Vielfalt, Freude an der Veränderung und Innovationskraft und Neugier auf Menschen. Menschen, die Menschen mögen, sollten in Positionen zu finden sein, die Menschen aussuchen oder Einstellungsentscheidungen treffen. – Wir sprechen darüber ausführlich im ÖJAB-Podcast, und ich lade Sie herzlich ein, in unsere aktuelle Podcast-Staffel „Neue Welt der Arbeit“ hineinzuhören (www.oejab.at/podcast).


Was bedeutet die Auszeichnung als Leitbetrieb für Sie und die ÖJAB? Welche Vorteile hat es, ein Vorbildunternehmen zu sein?

Vorbildunternehmen zu sein, bedeutet für mich die Gewissheit, dass wir Dinge richtig machen.
Der schönste Vorteil für mich ist, dass die ÖJAB immer wieder eingeladen wird, um mit anderen Unternehmen Erfahrungen auszutauschen und Verhaltensweisen, Strategien und Best Practices weiterzugeben. Dadurch werden positive Werte vervielfältigt.

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