vlnr.: Johannes Holas (KNAPP AG), Maria Troger (Schiefer Rechsanwälte), Monica Rintersbacher (Leitbetriebe Austria), Martin Schiefer (Schiefer Rechtsanwälte), Josef Scheidl (Brantner green solutions), © Schiefer Rechtsanwälte

Nachbericht: „Starke Wirtschaft, starke Industrie – Strategien für Wettbewerbsfähigkeit und Wachstum“

Beim Wirtschaftstalk am 27. April 2026 bei Schiefer Rechtsanwälte in Graz diskutierten Vertreter aus Industrie, Wirtschaft und Recht, wie die Wettbewerbsfähigkeit des Standorts Österreich gestärkt werden kann. Im Fokus der Diskussion: die Rolle des Vergaberechts als Hebel für Innovation, Resilienz und Wachstum, die Relevanz von Nachhaltigkeit sowie die Industriestrategie 2035.

Monica Rintersbacher, Geschäftsführerin Leitbetriebe Austria, eröffnete die Veranstaltung und betonte die Relevanz eines offenen Diskurses: „Es geht darum, die richtigen Rahmenbedingungen zu schaffen, damit Unternehmen erfolgreich bleiben können.“

Die Industriestrategie 2035 wurde dabei als ein wichtiger Orientierungsrahmen eingeordnet, der Österreich langfristig unter die Top-10-Industrienationen führen soll. Gleichzeitig zeigte sich in der Diskussion, dass viele der darin formulierten Ziele bereits bekannt sind, ihre Wirkung jedoch maßgeblich von der konkreten Umsetzung im wirtschaftlichen Alltag abhängt.

Vergaberecht neu gedacht: Impuls von Martin Schiefer
Den Auftakt setzte Martin Schiefer (Partner Schiefer Rechtsanwälte) mit einem pointierten Impuls zur Bedeutung des Vergaberechts. Öffentliche Beschaffung müsse künftig stärker als strategisches Instrument verstanden werden, um Fortschritt, regionale Wertschöpfung und nachhaltige Entwicklung gezielt zu fördern.

Er kritisierte, dass in der Praxis häufig noch immer der Preis das entscheidende Kriterium sei: „Wenn Vergaberecht so gelebt wird, dass nur der Billigste gewinnt, dann ist Vergaberecht sinnlos.“

Gleichzeitig plädierte er für ein Umdenken hin zu Bestbieterprinzipien, Lebenszyklusbetrachtungen und klaren Kriterien für Resilienz und langfristige Wertschöpfung. Öffentliche Mittel müssten gezielt dort eingesetzt werden, wo Unternehmen langfristig in den Standort investieren und Verantwortung übernehmen.

Industrie im globalen Wettbewerb: Johannes Holas (KNAPP AG)
Johannes Holas (Vice President BU Board bei KNAPP AG) gab Einblicke in die Herausforderungen eines international tätigen Industrieunternehmens. Mit einem Exportanteil von rund 98 Prozent ist KNAPP stark vom globalen Markt abhängig und spürt geopolitische Veränderungen unmittelbar.

Er beschrieb die aktuelle Situation als zunehmend dynamisch und komplex – mit rasch wechselnden Rahmenbedingungen und steigenden Anforderungen an Geschwindigkeit und Anpassungsfähigkeit. Gleichzeitig würden administrative Prozesse und lange Genehmigungsverfahren bremsen: „Wir müssen sehr schnell reagieren und da ist natürlich die Geschwindigkeit in Österreich gefragt.“

Als zentralen Standortfaktor, der für Österreich spricht, hob er das vorhandene Know-how und die hohe Qualifikation der Mitarbeitenden hervor. Gleichzeitig warnte er vor wachsendem Wettbewerbsdruck durch internationale Anbieter und betonte die Notwendigkeit, Innovation und technologische Souveränität gezielt zu stärken.

Kreislaufwirtschaft und Vergabepraxis: Josef Scheidl (Brantner green solutions)
Josef Scheidl (Geschäftsführer Brantner green solutions) beleuchtete die Herausforderungen aus Sicht der Kreislaufwirtschaft. Er sieht deutlichen Verbesserungsbedarf in der Praxis öffentlicher Ausschreibungen: „Öffentliche Ausschreibungen sind oftmals zu starr und können dadurch innovationshemmend wirken.“  

Anhand konkreter Beispiele zeigte er, dass Nachhaltigkeit in Vergabeverfahren oft nicht wirksam abgebildet wird. Kriterien seien teilweise nicht praxisgerecht gewählt und würden innovative Lösungen – etwa im Bereich Recycling oder Ressourcennutzung – unzureichend berücksichtigen.

Gleichzeitig machte er deutlich, welches Potenzial in der Kreislaufwirtschaft liegt: Durch technologische Entwicklung können Wertstoffe nahezu vollständig zurückgewonnen und genutzt werden. Nachhaltigkeit und Wirtschaftlichkeit seien dabei kein Widerspruch, sondern müssten gemeinsam gedacht werden.

Vergaberecht als Hebel für Innovation: Maria Troger
Maria Troger (Partnerin Schiefer Rechtsanwälte) betonte, dass das Vergaberecht grundsätzlich bereits die notwendigen Instrumente bietet, um ökologische Verantwortung und Innovation stärker zu verankern. Entscheidend sei jedoch die konsequente Anwendung in der Praxis.

Sie hob insbesondere die Bedeutung der Leistungsbeschreibung hervor: Nachhaltigkeit müsse nicht nur als einzelnes Kriterium, sondern entlang des gesamten Lebenszyklus – von Materialeinsatz bis Wiederverwertung – gedacht und definiert werden.

Vergabeverfahren könnten so gezielt dazu beitragen, Innovation in die Breite zu bringen und zukunftsfähige Lösungen tatsächlich wirksam umzusetzen.

Zentrale Herausforderungen aus der Praxis

  • Ausschreibungen sind teilweise sehr spezifisch gestaltet und ermöglichen nicht immer einen offenen Wettbewerb.
  • Es besteht eine hohe Dringlichkeit für schnellere Verfahren und klarere Entscheidungen. Viele Lösungen sind bereits vorhanden, entscheidend ist jedoch die konsequente Umsetzung: „Es ist Zeit wirklich ins Tun zu kommen.“
  • In Ausschreibungen dominiert weiterhin häufig der Preis, während Qualitäts- und Nachhaltigkeitskriterien oft zu wenig berücksichtigt werden.

Fazit: Umsetzung als entscheidender Erfolgsfaktor
Der Wirtschaftstalk machte deutlich, dass die Herausforderungen für den Standort Österreich bekannt sind – ebenso wie viele Lösungsansätze.

Das Vergaberecht ist dabei ein effizientes Instrument, um Innovation, Nachhaltigkeit und Wettbewerbsfähigkeit zu stärken. Gleichzeitig ist klar, dass weniger neue Regelungen als vielmehr deren konsequente Anwendung erforderlich sind. Entscheidend wird sein, bestehende Instrumente wirksam zu nutzen, Verfahren zu beschleunigen und den Fokus stärker auf Qualität, Resilienz und langfristige Wertschöpfung zu legen.

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