Tradition ist nichts, worauf man sich ausruhen darf.
„Die entscheidende Frage lautet nicht: Wie bewahren wir alles? Sondern: Was muss unverwechselbar bleiben und was müssen wir verändern, damit es lebendig bleibt?“
Wer das Café Landtmann am Wiener Universitätsring betritt, spürt Geschichte seit 1873. Doch ein Unternehmen lebt nicht von Geschichte allein. Es lebt davon, dass jede Unternehmergeneration Verantwortung übernimmt, um traditionsreiche Unternehmen in die Zukunft zu führen.
Wer wir sind – und wofür wir stehen
Wir, die Familie Querfeld, pflegen und gestalten die Wiener Kaffeehaus- und Gastgeberkultur. Heute führen drei Generationen gemeinsam traditionelle Wiener Kaffeehäuser und unterschiedliche Gastronomiebetriebe – vom Café Landtmann, Café Mozart und Café Museum bis zum Bootshaus an der Alten Donau, dem Gasthaus Napoleon, unserem Tortenshop und künftig Landtmann’s Daily. In unserer eigenen Manufaktur entstehen Wiener Mehlspeisen und feine Torten.
Rund 360 Mitarbeiter:innen sorgen täglich dafür, dass sich unsere Gäste wohlfühlen und unsere Betriebe Orte der Begegnung bleiben.
Die erste Generation: Tradition begann mit einem mutigen Neuanfang
Meine Schwiegereltern Herbert & Anita Querfeld waren Quereinsteiger, als sie 1976 das Café Landtmann übernahmen. Gegründet von Franz Landtmann mit dem Anspruch, das eleganteste Kaffeehaus am Ring zu schaffen, war das Landtmann über Jahrzehnte eine wichtige Wiener Institution. Wirtschaftlich schwierige Zeiten und ausbleibende Investitionen hatten Spuren hinterlassen und bei der Übernahme war sein Glanz noch spürbar, technisch und wirtschaftlich war es jedoch dringend erneuerungsbedürftig.
Sie erkannten das Potenzial und machten sich mit großem persönlichem Einsatz daran, das Landtmann wieder zu einem lebendigen, zeitgemäßen Kaffeehaus zu machen – ohne seinen Charakter zu verlieren.
Von Anita stammt der Gedanke, der uns noch immer noch Orientierung gibt: „Das Landtmann war schon vor uns da, und wir sind nur Begleiter dieser Institution. Für uns bedeutet das, die Geschichte nicht einfach zu bewahren, sondern sie verantwortungsvoll weiterzuentwickeln – und etwas Wertvolles an die nächste Generation weiterzugeben.“
Die nächsten Generationen: Unterschiedliche Sichtweisen als Erfolgsfaktor
Als Berndt Ende der 1980er-Jahre ins Unternehmen einstieg, trafen Erfahrung und Veränderungsdrang aufeinander. Ein Beispiel ist das erste elektronische Kreditkartengerät 1990. Für Berndt war es ein logischer Schritt, für seinen Vater eine unnötige Neuerung.
Heute nennt Berndt sich den „Zukunftsminister“ der Familie. Sein Motto: „Stillstand ist Rückschritt.“ Doch Innovation funktioniert nur, wenn sie auf dem Charakter eines Hauses aufbaut.
Berndt, seine Schwester Andrea und ich haben das Unternehmen Schritt für Schritt weiterentwickelt. Unsere unterschiedlichen Sichtweisen waren nicht immer bequem, aber wertvoll. Familienunternehmen brauchen ein gemeinsames Ziel und die Fähigkeit, Unterschiede produktiv zu nutzen.
Heute gestalten drei Generationen nicht nacheinander, sondern miteinander. Die einen bringen Erfahrung ein, die anderen operative Verantwortung und einen neuen Blick auf Gäste, Technologie und Geschäftsmodelle.
Ein Familienname ist aber noch keine Stellenbeschreibung – und Abstammung keine Qualifikation. Nachfolge darf deshalb weder automatisch noch aus Pflichtgefühl geschehen.
Karoline, die Tochter von Andrea, verantwortet heute unter anderem Betriebe, Projekte, Kommunikation und technische Neuerungen. Ferdinand, der älteste unserer drei Söhne, führt das Bootshaus und arbeitet an neuen Projekten, Produkten und Vertriebswegen.
Verantwortung wird bei uns nicht mit einem Schlag übergeben. Die nächste Generation übernimmt Schritt für Schritt eigene Bereiche und wächst mit der Aufgabe. Die Erfahrung der älteren Generation bleibt verfügbar – als Unterstützung, nicht als permanente Kontrolle.
Die nächste Generation soll nicht kopieren, was vor ihr erfolgreich war. Sie muss verstehen, warum es erfolgreich war – und daraus ihre eigene Antwort auf die Zukunft entwickeln.
Familie allein ist noch kein Organisationsmodell
Nähe ist eine große Stärke von Familienunternehmen – und gleichzeitig ein Risiko. Berufliche Themen wandern mit nach Hause, unausgesprochene Erwartungen können stärker wirken als jede Stellenbeschreibung.
Deshalb haben wir gemeinsam mit zwei externen Profis einen Visions- und Zukunftsprozess begonnen. Über ein Jahr haben wir geklärt, welches Familienunternehmen wir sein wollen, welche Rollen zu unseren Stärken passen und wo Konflikte entstehen könnten.
Ein wichtiger Grundsatz lautet für uns: Wachstum ist kein Selbstzweck. Es muss zu unserer Familie, zu den Menschen im Unternehmen und zu unserem Qualitätsanspruch passen – und darf weder Kultur, Liquidität noch Führungsfähigkeit überfordern. Familienzugehörigkeit schafft Vertrauen, ersetzt aber keine klaren Strukturen und professionellen Standards. Übergabe ist kein Stichtag, sondern ein Prozess.
Unsere Gastgeberkultur wird nicht allein von der Eigentümerfamilie geprägt, sondern jeden Tag von rund 360 Mitarbeiter:innen. Deshalb nennen wir uns „die erste Familie, die man sich aussuchen kann“. Eine starke Familienmarke entsteht dann, wenn sich auch Menschen ohne denselben Nachnamen zugehörig und verantwortlich fühlen.
Innovation aus dem Kern heraus
Tradition und Innovation sind für uns keine Gegensätze. Innovation ohne Herkunft wird austauschbar. Tradition ohne Erneuerung wird museal.
Ein Beispiel ist unser Landtmann’s Original Guglhupf, den es bei uns seit vielen Jahren gibt und der fest zu unserer Patisserietradition gehört. Neu ist, wie wir ihn weiterdenken: als hochwertiges Geschenk, für Unternehmen individuell gebrandet mit Logo oder Botschaft, und als Botschafter Wiener Mehlspeiskultur. Der Guglhupf bleibt, was er immer war – neu sind Anlass, Präsentation und Vertriebsweg.
Am Ende geht es für uns genau um diese Balance: Tradition gibt uns Haltung, die nächste Generation gibt ihr neue Richtung. Drei Generationen gemeinsam im Unternehmen bedeutet nicht, immer gleich zu denken, sondern Verantwortung zu teilen, Stärken richtig einsetzen und voneinander zu lernen, ohne den Kern des Unternehmens aus den Augen zu verlieren.
So bleibt ein Familienunternehmen lebendig: indem jede Generation etwas übernimmt, weiterentwickelt und wieder weitergibt. Nicht als Kopie dessen, was war – sondern als zeitgemäße Fortsetzung einer gemeinsamen Geschichte.






